Das Wirken von Else und Heiner Stöhr:

Mit durch die Vertreibung herrschte in den Fünfzigerjahren in Weißenburg und Umgebung eine angespannte Wohnsituation. Eine Vielzahl von älteren Menschen ohne Angehörige stand somit vor einer erheblichen Versorgungs- und Betreuungsproblematik. Die Gründerin und Leiterin des hiesigen AWO- Ortsvereins Else Stöhr widmete aus dieser Kenntnis heraus ihr ganzes Streben der Realisierung eines Altenheimbaues. In ihrem Mann Heiner hatte sie den wohl wichtigsten Mitstreiter. Er knüpfte dort wieder an, wo ihm im KZ Dachau die Schergen des Nationalsozialismus die Arbeit auf brutale Art und Weise unmöglich gemacht hatten, bei AW und SPD. Hunderte von Weißenburger Bürgern fanden in ihm einen Mann mit offenen Ohren für ihre alltäglichen Schwierigkeiten, der sich mit Herz und Sachverstand den unterschiedlichsten Aufgaben zuwandte. Als Landtagsabgeordneter und Mitglied in mehreren Ausschüssen sowie durch sein Wissen und seine Integrität konnte er viele Weichen in Richtung Planungs- und Baureife des AW- Altenheimes stellen. Große Unterstützung fand er auch beim damaligen OB L. Thumshirn und bei Bgm. C. Michel.

Den Sammlungen durch die Frauen und Männer um Else und Heiner Stöhr war es zu verdanken, daß der finanzielle Grundstock sichergestellt werden konnte. Zur ersten Firmensammlung trat sogar OB Thumshirn persönlich mit auf. Die Projektkosten konnten nur deshalb relativ gering gehalten werden, weil eine Vielzahl von AW- Mitgliedern in freiwilliger Arbeit speziell zur Schaffung der Außenanlagen mit Hand anlegten. In unzähligen Arbeitsstunden wurden Straßen, Wege, Gartenanlagen und Einfriedungen angelegt. Derweil beschaffte und organisierte Else Stöhr mit ihrer über 100 Mitglieder zählenden Frauengruppe aus SPD und AW einen Teil der Inneneinrichtung, bis hin zu den teilweise selbstgenähten Vorhängen.

 Nach der Eröffnung im Februar 1955 erfreute sich das Altenheim einer hohen Beliebtheit. Auf heutige Zeiten nicht mehr übertragbar, stand das Heimpersonal bei der Betreuung und Versorgung der Bewohner auf freiwilliger Basis praktisch rund um die Uhr zur Verfügung. Die meisten Mitarbeiter wohnten in Personalunterkünften und speziell das Hausmeisterehepaar Rosa und Josef Faber sowie die erste Heimleiterin Schwester Herta Dienelt leisteten in dieser Zeit durch ihren nimmermüden Einsatz Herausragendes.

Die AW/SPD - Frauengruppe mit Else Stöhr an der Spitze konnten einen Aufenthaltsraum für ihre Zusammenkünfte nutzen. So wurden u.a. Vorträge und Veranstaltungen für die Heimbewohner organisiert. Weiterhin wurden Musik- und Bastelabende angeboten. Die ehrenamtliche Mithilfe im Küchen- und Hauswirtschaftsbereich war ebenso mit eingebunden, eine Verzahnung zwischen der ehrenamtlichen Organisation, den dort lebenden Menschen und den hauptamtlich angestellten Mitarbeitern fand auf diese Weise statt. Else und Heiner Stöhr sahen in der Schaffung von Kontaktmöglichkeiten für die Heimbewohner nämlich einen entscheidenden Ansatz zur Integration.

 Der jähe Tod von Heiner Stöhr am 09. Dezember 1958 erschütterte die gesamte Weißenburger Bevölkerung. Wohl auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft wurde dieser außergewöhnliche Mann aus dem Leben gerissen. " Ich habe im letzten halben Jahr zuviel gearbeitet ", waren seine letzten Worte.

 Trotz dieses furchtbaren Schicksalschlages führte Else Stöhr ihr hohes sozialpolitisches Engagement mit aller Kraft fort. Doch auch ihr blieb nicht mehr viel Zeit. Exakt ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes verstarb Else Stöhr an den Folgen eines tragischen Unfallgeschehens. Else und Heiner Stöhr hinterließen lange Zeit eine nicht zu schließende Lücke. Mit ihnen verlor die Arbeiterwohlfahrt einer ihrer besten und fähigsten Persönlichkeiten mit herausragenden Charaktereigenschaften. Beide kämpften ständig dafür, daß der Mensch in Freiheit ein gesellschaftliches Leben formen konnte.